FREIHEIT FÜR DAS KAPITAL!

Warum der Kapitalismus nicht weltweit funktioniert

Hernando de Soto

1. KAPITEL

Die Frage, deren Beantwortung den Schlüssel zum ganzen Problem liefert, lautet also Aus welchen Gründen hat der Sektor der Gesellschaft von gestern, den ich ohne zu zögern als kapitalistisch einstufen möchte, wie unter einer Glasglocke gelebt, warum konnte er nicht ausschwärmen und die ganze Gesellschaft erobern? [Warum gestattete] die Gesellschaft von gestern eine nennenswerte Kapitalbildungsrate nur in bestimmten Bereichen, nicht aber im Gesamtgefüge der damaligen Marktwirtschaft?

Fernand Braudel, Der Handel

Die Stunde seines größten Triumphes ist für den Kapitalismus zugleich die Stunde seiner Krise.

Der Fall der Berliner Mauer beendete mehr als hundert Jahre politischer Konkurrenz zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Nun präsentiert sich der Kapitalismus als die einzig praktikable Methode, ein moderne Volkswirtschaft zweckmäßig zu organisieren. Zum jetzigen Zeitpunkt der Geschichte hat keine verantwortungsbewusste Nation eine andere Wahl. Also haben Entwicklungsländer und einstige kommunistische Staaten — mit unterschiedlicher Begeisterung — ihre Haushalte ausgeglichen, Subventionen gekürzt und Zollschranken aufgehoben.

Das Ergebnis ihrer Bemühungen war schwere Enttäuschung. Von Russland bis Venezuela waren die letzten fünf Jahre durch wirtschaftliche Entbehrungen, sinkende Einkommen, Angst und Zorn geprägt. Oder wie der malaysische Premierminister Mohamad Mahathir bitter anmerkte: "Hunger, Aufruhr und Plünderung". Kürzlich hießes in einem Leitartikel der New York Times: " Nach dem Sieg im Kalten Krieg ist für den gößten Teil der Welt der vom Westen so gepriesene freie Markt ersetzt worden durch die Grausamkeit der Märkte, durch Vorbehalte gegenüber dem Kapitalismus und die Gefahren der Instabilität." Der Triumph des Kapitalismus nur im Westen könne geradezu eine Rezeptur für wirtschaftliche und politische Katastrophen in der übrigen Welt sein.

Für die in Frieden und Wohlstand lebenden Amerikaner war es allzu leicht, den Aufruhr in anderen Teilen der Welt zu ignorieren. Wie kann der Kapitalismus in Schwierigkeiten stecken, wenn der Dow-Jones-Index höher klettert als Sir Edmund Hillary? Wenn die Amerikaner auf andere Nationen blicken, sehen sie Fortschritte, mögen sie noch so schleppend sein. Kann man in Moskau etwa keine Big Macs essen, in Schanghai keine brandheißen Videos ausleihen und sich in Caracas nicht ins Internet einloggen?

Doch selbst in den Vereinigten Staaten lassen sich die Alarmzeichen nicht übersehen: Kolumbien steht am Rande eines verheerenden Bürgerkriegs zwischen Guerillas, die vom Drogenhandel leben, und feindliche Milizen; im Süden Mexikos Süden tobt ein Aufstand, der sich nicht unter Kontrolle bringen lässt; in großen Teilen Asiens erstickt das künstlich genährte Wirtschaftswachstum in Korruption und Anarchie. Die Sympathie für die freie Marktwirtschaft zeigt in Südamerika einen deutlichen Rückgang: Im Mai 2000 war die Zustimmung zur Privatisierung von 46 auf 36 Prozent gesunken. Am bedrohlichsten aber ist die Lage in den ehemaligen kommunistischen Staaten, wo man vom Kapitalismus enttäuscht ist und wo die Vertreter der alten kommunistischen Ordnung Gewehr bei Fußstehen, um die Macht wieder an sich zu reißen. Wie einige Amerikaner sehr wohl wissen, ist ihr jahrzehntelanger Wirtschaftsboom nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass amerikanische Wertpapiere als sicherer Hort für internationales Geld um so attraktiver werden, je unsicherer die Lage im Rest der Welt ist.

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